Nationalpark Rothaarkamm: Das Gemeinwohl zum Maßstab machen

Grüne fordern konkrete Lösungen und eine Politik, die Verantwortung für die gesamte Region übernimmt.

Siegen-Wittgenstein. Nach dem gestrigen, erfolgreichen Abschluss des offiziellen Beteiligungsverfahrens wirbt der Kreisverband von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN entschieden für einen Nationalpark Rothaarkamm. Die Grünen fordern die politischen Kräfte der Region auf, diese historische Entwicklung konstruktiv zu gestalten. Wertvolle Natur dauerhaft schützen, neue Bildungsangebote schaffen, wirtschaftliche Perspektiven erschließen und die regionale Infrastruktur modernisieren: Diese Ziele verdienen echten politischen Gestaltungswillen statt reiner Abwehrhaltung.

„Nutzen wir die Chance, unsere industrielle Stärke, um neue Möglichkeiten zu ergänzen. Entwickeln wir eine Region, die gute Arbeitsplätze, intakte Natur und hohe Lebensqualität miteinander verbindet“, erklärt der Kreisverband. „Die Zukunft Siegen-Wittgensteins wird weder durch das starre Festhalten am Status quo noch durch das Zurückdrehen bereits erreichter Fortschritte gesichert.“

Die Grünen unterscheiden ausdrücklich zwischen der legitimen Aufgabe von Interessenverbänden und der übergeordneten Verantwortung demokratischer Parteien. Arbeitgeber- und Waldbesitzerverbände vertreten die Interessen ihrer Mitglieder. Demokratische Parteien müssen hingegen auf Grundlage ihrer politischen Werte unterschiedliche Interessen abwägen und das Wohl der gesamten Gemeinschaft verfolgen. Dazu gehören Menschen ohne starke Lobby ebenso wie die Lebensgrundlagen kommender Generationen.

„Vertreten Sie Ihre Mitglieder – aber setzen Sie deren Interessen nicht mit denen der gesamten Region gleich“, lautet deshalb die klare Aufforderung an die Verbände. An die Parteien richtet sich ein weitergehender Anspruch: „Prüfen Sie Forderungen eigenständig. Benennen Sie Zielkonflikte und entwickeln Sie Lösungen, die über einzelne Brancheninteressen hinausreichen.“

Gerade dieser Verantwortung wird die Kreis-CDU nach Auffassung der Grünen in der Nationalparkdebatte nicht gerecht. Mit ihrer noch vor Abschluss des Beteiligungsverfahrens kommunizierten Ablehnung übernimmt sie ungeprüft zentrale Abwehrargumente der Wirtschaftsverbände: mögliche Nutzungsbeschränkungen, befürchtete Belastungen für Betriebe und Zweifel an touristischen Chancen. Der gesellschaftliche Nutzen von Naturschutz, Bildung und einer breiter aufgestellten Regionalentwicklung tritt dahinter fast vollständig zurück.

„Eine demokratische Partei darf ihren politischen Gestaltungsauftrag nicht auf die bloße Übernahme von Lobbyforderungen reduzieren. Nehmen Sie die Interessen der Wirtschaft ernst, aber behalten Sie die gesamte Gesellschaft im Blick. Erklären Sie, wie Sie Natur dauerhaft schützen, neue Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen und Verantwortung für kommende Generationen übernehmen wollen.“

Daran muss sich die Kreis-CDU ebenso messen lassen wie am Koalitionsvertrag von CDU und Grünen im Land. Dieser vereinbart einen zweiten Nationalpark und einen Beteiligungsprozess, ohne den Standort vorab festzulegen. Daraus folgt keine automatische Zustimmung zum Rothaarkamm, wohl aber die politische Verpflichtung, konstruktiv an der Verwirklichung des gemeinsamen Ziels mitzuwirken.

Vom Verein „Zukunft Siegen-Wittgenstein“ erwarten die Grünen ebenfalls mehr als zusätzliche Prüfaufträge. Sein Internetauftritt nennt zwar Ziele wie artenreiche Wälder, wirksamen Naturschutz und attraktive Erholungsangebote. Ein ausgearbeitetes alternatives Umsetzungskonzept mit Finanzierung, Zuständigkeiten und Zeitplan ist dort jedoch an keiner Stelle erkennbar. Mehr noch: Der Nationalpark wird bereits in den ersten Sätzen pauschal abgelehnt.

„Legen Sie dar, wie Ihre Alternative funktionieren soll. Benennen Sie Flächen, Maßnahmen, Verantwortliche und eigene Beiträge. Allgemeine Zukunftsziele ersetzen kein umsetzbares Konzept.“ Für die Grünen bleibt dieser Ansatz eindimensional, solange vor allem gefragt wird, welche Veränderungen bestehenden Nutzungen zugemutet werden könnten. Eine umfassende Betrachtung muss zwingend ebenso untersuchen, welche Chancen durch eine Ablehnung dauerhaft verloren gehen und welche Folgen die Fortsetzung bisheriger Nutzungen hat. Diese Aufforderung richtet sich ausdrücklich auch an Christian F. Kocherscheidt, Vorsitzenden der Arbeitgeberverbände Siegen-Wittgenstein (AGV). Er verlangt eine stärkere Konzentration auf Wirtschaftsförderung sowie Infrastruktur und bezweifelt das besondere touristische Profil des Rothaarkamms.

„Benennen Sie Ihren eigenen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Region. Bringen Sie Ideen, Kooperationen und Investitionsbereitschaft ein. Wer ein überzeugendes touristisches Angebot verlangt, sollte an dessen Entwicklung aktiv mitarbeiten. Die bloße Ablehnung des Nationalparks schafft für sich genommen weder ein besseres Angebot noch eine neue wirtschaftliche Perspektive.

Der Nationalpark kann schließlich selbst zu einem touristischen Kernangebot werden – eng verbunden mit Umweltbildung, regionalen Produkten und bestehenden Beherbergungs- und Gastronomiebetrieben. Untersuchungen im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz belegen die starken regionalwirtschaftlichen Effekte des Nationalparktourismus. Sie rechtfertigen zwar keine Erfolgsgarantie für den Rothaarkamm, liefern aber eine solide Grundlage, seine Potenziale ernsthaft zu entwickeln.

Die vorliegenden Antworten der Fachgruppen bilden für die Grünen eine verlässliche Basis, den Nationalpark politisch voranzubringen. Land und Kreis sollen darauf aufbauen und im weiteren Verfahren die Finanzierung konkretisieren, Zuständigkeiten klären und kommunale Mitwirkungsrechte verbindlich verankern. Diese Aufgaben gehören zur sorgfältigen Ausgestaltung des Vorhabens. Sie begründen einen klaren Auftrag zur gemeinsamen Weiterarbeit und dürfen nicht pauschal als Vorwand dienen, die politische Weichenstellung erneut zu blockieren.

Die Grünen werben deshalb für eine positive Grundsatzentscheidung des Kreistages am 13. November 2026. „Wir wollen den Weg für die Bewerbung und die weitere fachliche Ausarbeitung des Nationalparks öffnen und eine weitere Blockade der regionalen Entwicklung unserer Heimat verhindern. Die erforderlichen Prüfungen werden dadurch weder negiert noch ersetzt. Entscheiden wir über die Richtung und gestalten wir anschließend die Umsetzung sorgfältig und verbindlich. Machen wir das Gemeinwohl zum Maßstab. Schützen wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen und schaffen wir Raum für neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Möglichkeiten. Wir wollen den Nationalpark Rothaarkamm ermöglichen – fachlich fundiert, verlässlich finanziert und gemeinsam mit den Menschen der Region“, erklärt der Kreisverband abschließend.

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld

Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Weiteres entnehmen Sie bitte der Datenschutzerklärung.

Verwandte Artikel